„Du bist schön, aber dafür kannst Du nichts… Weder lesen, noch schreiben“. Diese aufmunternden Worte empfangen mich kurz vorm Invalidenpark aus riesigen Lautsprechern. Sie bestätigen: Ich habe mein Ziel erreicht. Naja, sie und die Protestschilder-schwenkende Menschenmasse, die ruft: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Ich befinde mich nun mitten drin in der 15. Berliner „Fridays for Future“ Demo, für die tausende von Schülern für eine bessere Umweltpolitik statt zur Schule auf die Straße gehen. Das Besondere diese Woche: ich bin dabei. Ach ja, und Greta auch. Greta Thunberg, die 16-jährige schwedische Pop-Ikone der Umweltaktivistenszene 2019, startete letzten August den grün-motivierten Schulstreik-Trend, als sie vor dem schwedischen Reichstag demonstrierte statt in der Schule Gedichte auf Italienisch zu interpretieren. Inzwischen ist sie in der internationalen Medienlandschaft so beheimatet wie der Eisbär (noch) in der Arktis, ihr Auftritt heute beim Berliner Klimastreik also eine ganz große Sache.

FRIDAYS FOR FUTURE –
NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN

Category: People     Text: Wanda von Mandelsloh
„Du bist schön, aber dafür kannst Du nichts… Weder lesen, noch schreiben“. Diese aufmunternden Worte empfangen mich kurz vor dem Invalidenpark aus riesigen Lautsprechern. Sie bestätigen: ich habe mein Ziel erreicht. Naja, sie und die Protestschilder-schwenkende Menschenmasse, die ruft: „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Ich befinde mich nun mitten drin in der 15. Berliner „Fridays for Future“ Demo, für die tausende von Schülern für eine bessere Umweltpolitik nicht die Schulbank drücken, sondern auf die Straße gehen. Das Besondere diese Woche: ich bin dabei. Ach ja, und Greta auch. Greta Thunberg, die 16-jährige schwedische Pop-Ikone der Umweltaktivistenszene 2019, startete letzten August den grün-motivierten Schulstreik-Trend, als sie vor dem schwedischen Reichstag demonstrierte statt in der Schule Gedichte auf Italienisch zu interpretieren. Inzwischen ist sie in der internationalen Medienlandschaft so beheimatet wie der Eisbär (noch) in der Arktis, ihr Auftritt heute beim Berliner Klimastreik also eine ganz große Sache.
DER STREIKZUG – HURRA DIE WELT GEHT UNTER
Zwar bilden den Hauptteil der Demonstrierenden definitiv Schüler, doch sind auch einige ältere Generationen vertreten. Die Protestplakate variieren dementsprechend von mit Buntstift gekrakeltem und mit Rechtschreibfehlern gespicktem „Retet die Weld“ über „Ihr seid high durch CO2“ bis hin zu „Eat pussy, not cows“. Die Playlist scheint sorgsam kuratiert: Sowohl KIZs „Hurra die Welt geht unter“ als auch Macklemores „Thrift shop“ haben ihre valide Daseinsberechtigung. Die Stimmung ist super, was wahrscheinlich auch daran liegt, dass Erstklässler noch nicht so in Pöbellaune sind und der Wille zu Gewaltanwendung sich auf den übermäßigen Gebrauch von zu gut funktionierenden Trillerpfeifen beschränkt. Nur einmal werde ich unsanft von einem Schild mit der Aufschrift „Lesbian mums for future“ in die Seite gestoßen und gerate leicht ins Schwanken, werde jedoch von links direkt von einem Eisbär-Ganzkörperkostüm mit dem Umhängeschild „Mir ist heiß“ aufgefangen.
Meine Plakat-Favoriten: Ein Urlaubsfoto von Leonardo DiCaprio (aka Titanic-Jack) auf dem er verdutzt aus dem Meer hervorblickt, über ihm die Worte „Year 2050 – …Rose?‘“. Oder auch das Schild einer Demonstrantin mit der Aufschrift: „Ich bin so wütend, ich habe sogar ein Schild dabei“. Ein anderer Mitdemonstrant hat sich ganz gegen ein Plakat entschieden und schwenkt stattdessen lieber eine überdurchschnittlich große Salatgurke im Takt zur Technomusik eines benachbarten Lautsprechers. Ich bin nicht ganz sicher, welche Sub-Botschaft hier mitschwingt, aber sie gefällt mir. Und hey, grün ist grün.
AM BRANDENBURGER TOR – UNDERCOVER IN POLE POSITION
Nach ungefähr einer Stunde motivierten Mitmarschierens laufe ich zwecks Stehplatzsicherung zum Brandenburger Tor vor. Netter Versuch. Ein Meer an Menschen hat sich hier bereits angesammelt, geduldig auf das Eintreffen des Demozugs wartend. Spontan platziere ich mich mit gezückter Kamera direkt hinter der Bühne, um wenigstens einen Blick auf Gretas geflochtenen Hinterkopf zu erhaschen. Bald schon jedoch droht eine Gruppe freiwilliger Securityhelfer mir einen Strich durch die Rechnung zu machen. Sie beginnen doch tatsächlich, meinen hart erkämpften Aufenthaltsbereich zu räumen. Doch ich reagiere schnell und mische mich schnurstracks unter die jungen Helfer. Die Kamera verschwindet natürlich unauffällig unter meinem Mantel – undercover, klar. Und ehe ich mich versehe, stehe ich auch schon händchenhaltend in einer Security-Menschenkette vor dem Bühnenbackstagebereich, um Zuschauer und unautorisierte Journalisten (wie mich) fernzuhalten.
Der Demozug trifft ein und das Bühnenprogramm beginnt. Ein französischer Schüler erzählt, wieviel lieber er das erste Mal in Berlin wäre, um die Stadt anzusehen, statt für seine Zukunft demonstrieren zu müssen. Ein deutscher Schüler mit Gitarre debütiert seinen Umwelt-Song. Dies sei seine erste große Performance, sagt er schüchtern ins Mikrofon, und zieht sie dann lässig und fehlerfrei durch. Die Menge jubelt und vor meinem inneren Auge drehen sich alle vier Stühle von The Voice gleichzeitig um.
DER FINALE AKT – GRETA WILL PANIK
Nach einer Ansprache von Luisa Neubauer – der deutschen Greta –  ist es schließlich Zeit für Greta selbst. Tosender Applaus bricht aus und hinter mir eine Gruppe Dreizehnjähriger in hysterisches Kreischen. Ein Teenie-Junge links neben uns versucht zu zügeln: „Ey sie is’ doch kein Popstar, seid mal still, ich will sie hören“, nur um Sekunden später selbst komplett in Fan-Modus zu geraten und fieberhaft „Ahhh, ich kann sie höreeen“ zu schreien.
Greta selbst scheint den Rummel um ihre Person gelassen zu nehmen. Unaufgeregt stellt sie sich vor die über 25.000 Menschen und dem Kamera-Blitzlichtgewitter. Ihre Rede: kurz und knackig. Die Politiker würden nur beschwichtigen, sagen, alles werde gut, ruft sie mit starker Stimme, doch das helfe uns nicht. „Wir brauchen Panik“. Panik, die aus der Komfortzone heraushole und wirklich etwas verändere. Die Masse jubelt. Noch ein paar Greta-typische auf den Punkt formulierte Sätze folgen und dann? Ist ihr Auftritt auch schon vorbei. Überraschend schnell. Doch mir gefällt Gretas unaufregende Aufregung. Es unterstreicht ihre Botschaft: nicht viel um die heiße Erde reden, sondern wirklich etwas tun. Denn Taten, nicht Worte verändern den Status Quo und somit unsere Zukunft. Auch ich löse deshalb kurz die Hände aus den schwitzigen Handklammern meiner Security-Kumpel-Kette und klatsche Beifall. Und dann – endlich – mache ich ein Foto von Gretas Hinterkopf.

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By |2019-04-12T15:47:02+00:00April 12th, 2019|PEOPLE|Kommentare deaktiviert für FRIDAYS FOR FUTURE – NUR NOCH KURZ DIE WELT RETTEN